Warum Nearshore?

Was ist Nearshore Outsourcing? Wer kann davon was verdienen? – Ihr IT-Dienstleister, aber auch Ihr Unternehmen.

6. Dezember 2019

In den letzten Monaten ist die Zahl der Suchbegriffe nach Nearshore Outsourcing sprunghaft angestiegen. Parallel dazu passen Meldungen, dass die Zahl der aktuell offenen Stellen in Deutschland im IT Sektor weit über 100.000 liegt. Egal, wann Sie diesen Artikel in den nächsten paar Jahren lesen werden, die Situation wird aller Wahrscheinlichkeit nach, nicht besser sein.

Digitalisierungsdruck auf Unternehmen.

Der Digitalisierungsdruck auf Unternehmen aller Branchen hat in den vergangenen Jahren enorm, also exponentiell zugenommen, gleichzeitig auch die Anforderungen an moderne Softwaresysteme. Dabei hat die durchschnittliche Lebensdauer von Systemen abgenommenDie Universitäten hingegen bringen kaum mehr IT Fachkräfte hervor als vor zwanzig Jahren, zumindest nicht in Deutschland oder der Schweiz.  

Meiner Meinung nach sollte Softwareentwicklung, also technische Kommunikation genauso Schulfach werden, wie analoge Kommunikation, also unser geliebtes Deutschfach oder wie Fremdsprachen. Da unsere Wirklichkeit heute mehr aus Kommunikation besteht, als aus Material, wäre es durchaus angemessen, die Menschen auf diese (virtuelle) Realität genauso vorzubereiten, wie auf die biologische, chemische oder physikalische. Aber das ist hier nicht unser Thema.

Unternehmen, Verbände, Organisationen und ebenso staatliche Verwaltungen werden die Herausforderung des enormen Missverhältnisses zwischen Digitalisierungsdruck und Mangel an IT Fachkräften irgendwie in den Griff bekommen. Ein Teil der Lösung liegt dabei direkt vor unserer Haustür.

Nearshore Outsourcing

Mit offshore Outsourcing haben in den vergangenen Jahren viele Organisationen schlechte Erfahrungen gemacht. Man kann nicht mal pauschal sagen, dass die Gründe in unzureichender Qualifikation von offshore Fachkräften lag, wo auch immer sie angesiedelt waren. Auch die immer wieder genannten kulturellen Unterschiede, die zweifellos da sind, sind zwar ein gern gebrauchtes Alibi für das Scheitern von Projekten, aber auch bei Weitem nicht so oft der Grund, wie behauptet. Oft war es einfach nur schlechtes Management, falsche Erwartungen oder eine etwas naive Heransgehensweise.

Ganz oft aber wurde unterschätzt, welche Rolle direkte Kommunikation insbesondere vor dem Hintergrund immer häufiger verwendeter agiler Methodiken wie Scrum oder Kanban spielte. Zweifellos, im klassischen Wasserfall kann das „über den Zaun werfen“ von kompletten Spezifikationen noch eher funktionieren, als in einem agilen Kontext. Hier geht ohne intensive und direkte Kommunikation zwischen Stakeholdern und Product Owner oder zwischen Product Owner und Entwicklungsteams gar nichts. Und die vielzitierten kulturellen Grenzen ziehen sich hier vielmehr zwischen Fachbereichen und IT-Abteilungen innerhalb einer Organisation und nicht so sehr zwischen Onsite– versus Off- oder Nearshore Locations der Teams. Heißt, an der Überbrückung kultureller Differenzen werden Organisationen intern ohnehin intensiv arbeiten müssen.

Nearshore Outsourcing bietet für die Summe aller oben genannten Probleme nun eine interessante oder vielleicht und für einige sogar die letztmögliche Alternative. Nearshore Outsourcing ist ein nahezu selbsterklärender Begriff, daher spare ich mir an dieser Stelle eine Definition mit vielen Buzzwords.

Aus der D.A.CH Perspektive sind damit insbesondere Osteuropäische Regionen gemeint. Allerdings gewinnen auch Standorte in Spanien und Portugal an Bedeutung. Nicht unerwähnt sollte bleiben, dass mir einige unserer Schweizer Kunden gesagt haben, dass aus ihrer Perspektive sogar Deutschland zum Teil als Nearshore Standort läuft, was man bei uns in Deutschland vermutlich nicht so gerne hört.

Vorteile von Nearshore Outsourcing

Die Vorteile von Nearshore Outsourcing liegen zunächst auf der Hand. Dennoch gibt es Herausforderungen, die zu meistern sind, damit Projekte wirklich funktionieren und mittel- bis langfristig den gewünschten Effekt haben. Auch gibt es vielerorts noch immer viele Vorurteile gegenüber Nearshore Outsourcing. Kürzlich sagte mir jemand, dass Nearshore Outsourcing in einer Gesamtkostenrechnung auch nicht viel günstiger ist, als Onsite Entwicklung. Zu viele Reibungsverluste, so heißt es oft im Management-Sprech. Ich würde eher sagen, schlechtes Managementfalsche Erwartungen und eine daraus resultierende falsche Herangehensweise waren schon immer ziemlich teuer. 

Beschäftigen wir uns zunächst mit den Vorteilen und schauen dann, wie die zweifellos vorhandenen Herausforderungen gemeistert werden können. Die wesentlichen Vorteile in der Reihe ihres Auftretens sind: 

Beispiel Sofia. Als einer der Nearshore Hotspots wird es aktuell als das europäische Silicon Valley gehandelt. In Bulgarien ist IT einer der führenden WirtschaftszweigeIT Fachkräfte verdienen hier im Vergleich wesentlich mehr als Ärzte, Professoren oder Rechtsanwälte und bilden dort die neue Mittelschicht. IT gehört zu einem sehr lukrativen Wirtschaftssektor, denn er erfordert nicht sehr hohe Investitionen in Infrastruktur oder Technik. Daher lässt er sich schnell und oft durch rein private Investitionen finanziert, aufbauen. Kein Wunder also, warum gerade die Osteuropäischen Länder hier ein besonderes Augenmerk darauf gelegt haben. Eine sehr gute Grundausbildung der Menschen, die diese Länder auch früher schon hatten, hat hier natürlich zudem sehr geholfen.

In der Tat hat die Verfügbarkeit von Ressourcen in den vergangenen paar Jahren das Argument der geringeren Personalkosten vom Platz eins verdrängt. Zwar sind die Kosten für IT Fachkräfte in Osteuropa in den letzten Jahren auch deutlich gestiegen. In Tschechien oder der Slowakei, teilweise aber auch in Polen, Ungarn und den baltischen Ländern stehen sie den Deutschen Tagessätzen oft nicht mehr wesentlich nachVor allem aber ist die Bedeutung von Digitalisierung für viele Unternehmen zu einem kritischen Erfolgsfaktor geworden und damit die Verfügbarkeit von IT Ressourcen für die Planung und Durchführung von Digitalisierungsprojekten überlebenswichtig. Ich spreche in diesem Punkte übrigens ganz bewußt von Personalkosten und nicht von Gesamtkosten. Nicht weil ich auch der Meinung bin, dass die Gesamtkosten am Ende dann doch wieder gleich sind, sondern, weil ich das Thema weiter unten bei den Herausforderungen noch einmal aufgreife und dort zeige, warum und wie die Gesamtkosten deutlich geringer gehalten werden können. Ich werde mich um eine klare Position nebst Antwort definitiv nicht drücken.

Ein Kunde aus Frankfurt, der sein Heil bei der verzweifelten Suche nach qualifizierten IT Personal im Outsourcing in Flensburg gesucht hat, hat mir vor kurzem vorgerechnet, dass er länger braucht um von Frankfurt nach Flensburg zu kommen, als von Frankfurt nach Sofia, um im oben genannten Beispiel zu bleiben. Die D.A.CH Region liegt in Europa glücklicherweise sehr zentral, ein Vorteil, der nicht unterschätzt werden sollte. Ein Kunde aus der Nähe von Nürnberg hat sich für einen Nearshore Standort in Prag entschieden, gerade mal zwei Autostunden entfernt. Die osteuropäischen Nearshore Zentren lassen sich von uns aus problemlos in wenigen Stunden erreichen. Salopp gesagt, kann man da schnell mal nach dem Rechten sehen, wichtige Workshops, Krisensitzungen, Teambuildings etc. lassen sich leicht oder sogar spontan organisieren und werden nicht zu ungeplanten und nicht mehr ins Budget passenden Faktoren (man sollte natürlich trotzdem für solche Anlässe ein Budget einplanen und es in die Gesamtkostenrechnung einpreisen) 

In Deutschland ist unser Selbstverständnis das der Spitze der Nahrungskette in Sachen Wissen, Technik, wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, kulturellen und wissenschaftlichen Errungenschaften, you name it, gemeinsam mit anderen westeuropäische oder nordamerikanischen Regionen. In manchen Bereichen mag das stimmen und macht uns auch stolz. Im Bereich IT haben uns andere Regionen inzwischen überholt oder sogar weit abgehängt. Insbesondere in den osteuropäischen Nearshore Zentren verfügen die Leute über hervorragende Ausbildungsmöglichkeiten und Qualifikationeninklusive einer erstaunlichen Motivation und LernbereitschaftKreativität und Selbstorganisation gehören vielleicht noch nicht so sehr zu ihren absoluten Stärken, aber auch davon sind sie nicht mehr weit entfernt.

 Die fehlende Qualifikation ist eines dieser doch sehr falschen und aus unserer Überheblichkeit stammenden Vorurteile, vermutlich teils noch stammend aus schlechten Offshore Erfahrungen in Zeiten, in denen für komplexe Applikationen noch hunderte oder sogar tausende zumeist schlecht gemanagete Programmierer notwendig waren, die nie anderes als eine technische Spec gesehen haben und damit auch nie die Chance hatten ein Verständnis für Business Value zu entwickeln. Diese Szenarien wurden dann recht schnell zu selbsterfüllenden Prophezeiungen. Die Zeiten sind aber längst vorbei.

Heute und insbesondere in vielen Nearshore Companies weht ein ganz anderer Wind, ein agiler, kreativer und extrem innovativerIm Gegensatz zu vielen Teams in Deutschland und in der Schweiz, die ich in agilen Transformationen betreut habe, habe ich es in Russland, Rumänien oder Bulgarien fast nie erlebt, dass Entwickler Probleme damit haben ihr geliebtes PHP aufzugeben und in kurzer Zeit z.B. React zu lernen.

Diese Vorteile und Möglichkeiten werden zu einer großen Chance Europas, sollten wir es denn tatsächlich noch irgendwann schaffen, regionale oder nationalstaatliche Kleingeistereien zu überwinden. Viele Organisationen haben das längst erkannt und haben diese Möglichkeiten zum Teil ihres Erfolges transformiert. Für sie ist Nearshore Outsourcing so selbstverständlich wie das Bestellen bei Amazon; Lieferung in 24 Stunden bzw. Release on Demand, egal, wo produziert wurde. 

Herausforderungen im Nearshore Outsourcing

Natürlich darf man bei all dem die Herausforderungen nicht unter den Tisch fallen lassen. Das Paradies gibt es nun mal nur in weit entfernten Geschichten. 

Die größten Herausforderungen im Nearshore Outsourcing liegen in der Organisation der Kommunikation, im Vertrauen in den Nearshore Partner und sicher auch in Bereichen der Vertragsgestaltung. Die beiden letztgenannten Herausforderungen unterscheiden sich nicht wesentlich von Herausforderungen des Outsourcings im Allgemeinen, dürfen daher aber keineswegs vernachlässigt werden.

Die besondere Herausforderung liegt allerdings in der Kommunikation. Gerade heute, wo agile Methoden immer populärer werden und deren Lebensader eine sehr direkte und viel intensivere Kommunikation ist, verursachen hier Defizite in der Organisation dieser Kommunikation große Probleme. Erinnern wir uns, agile Methoden führen ein viel umfassenderes, kulturveränderndes Kommunikationskonzept ein. Während wir in traditionellen Methoden – und leider auch sonst noch von vielen Akteuren so gesehen – Kommunikation als bloßen Austausch von Informationen wahrnehmen (und daher auch gerne mal Requierements über den Zaun werfen), definieren wir im agilen Kontext Kommunikation als „wechselseitige Einladung in einanders Wirklichkeit zu kommen“.

Das meint, dass Stakeholder, Product Owner und Entwicklungsteams sich viel stärker aufeinander einlassen müssen, ein wechselseitiges Verständnis für die Perspektiven des jeweils anderen entwickeln müssen, um gemeinsam Business Value zu generieren. Die strikte Trennung zwischen Fachlichkeit, Funktionalität und Technologie wird aufgehoben. Natürlich steigen damit die Anforderungen an die Kommunikationsfähigkeit aller beteiligten Akteure enorm.

Nearshore Dienstleister

Wahr ist auch, dass nicht alle Nearshore Dienstleister darauf auch vorbereitet sind, weder methodologisch noch in Bezug auf Kommunikation. Eine technisch ausgereifte Videokonferenzanlage und schöne Lounge-zones und Meeting Areas sind bestenfalls Voraussetzungen für das was jetzt folgen muss. Und natürlich spielt die verwendete Sprache auch eine Rolle. Wenn beide Kommunikationspartner in englisch kommunizieren und keine von beiden darin Muttersprachler ist, dann kommt es sicher auch mal zu Missverständnissen. Die lassen sich ausräumen. Schwieriger ist, dass es ganz automatisch auf beiden Seiten eher zu einer schleichenden Kommunikationsvermeidung kommt, man spricht nur dann, wenn es unbedingt notwendig ist.

In unserem Nearshore-Zentrum in Sofia haben wir daher ca. 80% auf hohem Niveau deutschsprachige Entwickler und operieren auch nur auf den Märkten der D.A.CH Region. Das ist fantastisch, wird aber nicht immer und für alle möglich sein. In jedem Fall sollten sich beide Partner intensiv Gedanken machen, wie sie dieses Problem lösen. Gerade im agilen Kontext gibt es da eine Reihe von Möglichkeiten. Diese sind ja gerade für den Einsatz in verteilten Teams erfunden worden. Im Nearshore Outsourcing müssen diese Möglichkeiten dann sehr bewußt und viel disziplinierter eingeführt werden.

Nearshore Outsourcing birgt unglaubliche Potentiale und ist dann auch in der Gesamtkostenrechnung unschlagbar. Wir sitzen praktisch auf einer gewaltigen Quelle und statt sie einfach anzuzapfen betreiben viele Unternehmen noch Freelancer-Frackingschlagen sich mit RecruiternZeitarbeitsfirmen und AÜG herum und zahlen dabei Tagessätze, die inzwischen die Tausendeurogrenze langsam aber unaufhaltsam überschreiten. 

Dabei ist Nearshore Outsourcing gar nicht so schwer zu organisieren und es bietet viele Vorteile, die von Unternehmen relativ schnell nutzbar gemacht werden können. Die Risiken und Herausforderungen müssen bewußt adressiert werdenDie Mühe wird sich aber lohnen, die vielen Vorteile und neuen Möglichkeiten die sich aus ihnen ergeben, sind es allemal wert. 

Der Autor

Klaus Riedel | Agile Transformer und Geschäftsführer der blubito GmbH


Als agile Coach begleitete er mit seinem Team die digitale Transformation und die Einführung von Scrum und SAFe in großen Organisationen.

Seit über 10 Jahren ist er geschäftsführender Partner der blubito GmbH, einem auf Nearshore Outsourcing spezialisiertem IT-Dienstleister.

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